
Phase 1: Ideologie – Altes Rathaus
Organisation der NSDAP
„Das Rathaus ist die Visitenkarte einer Stadt“, heißt es in einem Zeitungsartikel aus dem Jahr 1937. Hier saß die Stadtverwaltung und hier tagte der Stadtrat, der sich aus den Parteien, die die meisten Wählerstimmen erhielten, zusammensetzte. Es ist daher nicht verwunderlich, dass das Alte Rathaus in der Zeit der nationalsozialistischen Herrschaft zur Orts-, beziehungsweise Parteizentrale der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP) wurde.

Im Jahr 1933 wurde der damalige Stadtrat durch Erlass des Gleichschaltungsgesetzes aufgelöst. Nachdem auch noch der letzte demokratisch gewählte Bürgermeister – Karl Engelhardt – auf Drängen der NSDAP hin sein Amt niederlegte, ernannte man den Vorsitzenden der NSDAP Dr. Werner Lederle (1905-1977) zum kommissarischen Leiter der Stadtverwaltung. Später wurde Georg Herzog (1902-1943) zum ersten hauptamtlichen Bürgermeister nominiert. In Folge des Gleichschaltungsgesetztes wurde auch in Lauf und in anderen Orten des Landkreises die Amtsenthebung der demokratisch gewählten Bürgermeister vollzogen und deren Ämter mit Nationalsozialisten besetzt. Als der Stadtrat daraufhin neu gebildet wurde, erhielten die Nationalsozialisten die Mehrheit. Ortsgruppenleiter der NSDAP im Jahr 1933 war Hans Seehofer, der aktiv die Umsetzung der Gleichschaltung in Lauf forcierte. Im selben Jahr wurde am 10. März als Zeichen und Feier der Gleichschaltung die Hakenkreuzfahne und die Schwarz-Weiß-Rote Fahne an der Rathausfassade gehisst, obwohl es zu diesem Zeitpunkt noch viele Gegner der nationalsozialistische Partei im Stadtrat gegeben hatte.
Im Anschluss wurde die Hakenkreuz-Flagge neben der Schwarz-Weiß-Roten Flagge (der Flagge des Kaiserreichs) zum Hoheitszeichen bestimmt und ab 1935 dann als alleinige Nationalflagge geführt. Anlässlich des Aufziehens der Hakenkreuzfahne im Jahr 1933 veranstaltete man sogar einen kleinen Festzug. Der gesamte Marktplatz war an diesem Tag mit blau-weißen und schwarz-weiß-roten Fahnen, den Farben Bayerns und des Reiches, geschmückt und eine große Menge an Zuschauern war anwesend, die sich um das Rathaus versammelte, um an der Zeremonie teilzunehmen. Aus dem Laufer Tagblatt vom 10. März 1933 geht hervor, dass jeder Teilnehmer durch seine Anwesenheit “Zeuge der nationalen Freiheitsbewegung” wurde. Mit einem sogenannten “Stoßtrupp” (eigentlich ein militärischer Begriff für eine Angriffsformation mehrerer Männer, der der Infanterie entlehnt war) dem die Reichsfahne folgte, zog die NSDAP, angeführt von der Stadtkapelle vor das Rathaus. Während das Horst-Wessel-Liedes, der Parteihymne der NSDAP, gesunden wurde, hisste man im Anschluss die Hakenkreuzflagge.
Die Bedeutung des Rathauses im politischen inszenierten Stadtraum der neuen Machthaber war kaum zu überschätzen. Tatsächlich entstammt sein heutiges Aussehen einem eigens hierzu entwickelten Umbauprojekt des Jahres 1937, das sowohl die Innenausstattung wie auch die äußere Gestalt des Gebäudes verändern sollte. Ziel der Partei war es, ein “einheitlicheres”, “stilreineres” Erscheinungsbild zu schaffen. Nach zeitgenössischer Aussage wollte man durch den Umbau in eine “fränkische Bauweise” ein “altes, reizvolles Bild” schaffen, nachdem seine aus dem 19. Jahrhundert stammenden Bauformen zuvor in einem Artikel der Pegnitz Zeitung aus dem Jahr 1937, bei dem es um den Rathausumbau geht, sogar als “Produkt der Stillosigkeit” betitelt wurde. Wie verhasst das alte Erscheinungsbild des Rathauses bei den Nationalsozialisten also war, lässt auch ein Zeitungsartikel aus dem Jahr des Umbaus 1937 ausgesprochen deutlich erkennen. Nachdem man sich über den schlechten Zustand des Gebäudes mit Aussagen wie „Seit vielen Jahrzehnten war an diesem Bau, der doch “das erste Haus der Stadt sein soll, überhaupt nichts mehr gerichtet worden”, an sich beklagte, wies man mit außerordentlicher Genauigkeit darauf hin, dass das Rathaus doch erst durch die nationalsozialistische Stadtverwaltung sanitäre Anlagen und eine Zentralheizung erhalten hatte. Ein Foto, das dem Zeitungsartikel beigefügt war und das Rathaus vor dem Umbau zeigte, wurde mit der Aussage “So häßlich war es vorher!” untertitelt. An der Außenfassade erwies sich außerdem der Rathausbalkon als “störend”, oder das Zwiebeltürmchen auf dem Dach als “stilwidrig”.

Sie passten nach Auffassung der Nationalsozialisten “so gar nicht” zum Laufer Marktplatz. Beide Bauteile wurden entfernt und man baute stattdessen ein schlankes, hohes Glockentürmchen, worin die beim Umbau wiedergefundenen alten Rathausglocken aufgehängt werden sollten. Die Ostseite erhielt wieder einen Balkon, allerdings mit einem kunstvoll geschmiedeten Gitter. Im Inneren wurden das Treppenhaus und die Einteilung der Stockwerke umgestaltet.

Gerade der Balkon des Gebäudes war von herausragender Bedeutung. Er wurde für Reden, Ansprachen oder Kundgebungen der Partei genutzt. Anlässlich des Aufziehens der Hakenkreuzfahne sprach beispielsweise der damalige Leiter der NSDAP Hans Seehofer oder der “Führer der Reichsflagge” Fritz Thoma (†1940). Auch bei der öffentlichen Verkündigung der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler oder bei der Kundgebung des Kultusministers und Gauleiters Hans Schemm, wurde der Balkon genutzt, um zur versammelten Menge zu sprechen. Das Hauptgebäude städtischer Repräsentation wurde von der NSDAP auch als zentraler Ort und Hintergrundkulisse für Festlichkeiten inszeniert, wie etwa bei den für die Nationalsozialisten wichtigen Erntedankfesten. Beim Erntedankfest 1938 verwendete man sogar die Lautsprecher des Rathauses, um die Übertragung der Führerrede am Oberen Marktplatz zu ermöglichen.
Nach dem Umbau zierten außerdem mehrere NS-Symbole das Gebäude. Am auffälligsten gestaltet war wohl der Eingang des Rathauses an der Südseite, der jeden Besucher daran erinnern sollte, dass sich hier die Verwaltung der Ortsgruppe der NSDAP befand. Ein kupferner Adler mit einem Hakenkreuz, gefertigt vom Nürnberger Kunstbildhauer Jeremias Ritter (geb. 1897, zuletzt erwähnt 1941) bekrönte die Eingangstür. Vorgestellt wurde diese Neuerung in der Zeitung mit der Überschrift: “Stolz thront der Rathausadler”. Mittelpunkt des Sitzungssaals war eine Büste Adolf Hitlers. Hierbei handelte es sich um ein Geschenk des Bildhauers und Plastikers Emil Wagner (1888-1956) der ab 1922 bis nach Kriegsende an der Industrieschule in Sonneberg lehrte, an die Stadt Lauf. Wagner war seit 1913 mit Auguste, geb. Bankel verheiratet und daher der Stadt seit Jahrzehnten verbunden. Ein weiteres seiner Werke, eine Plastik mit dem Titel “Maria mit Kind” würdigte man in den von Alfred Rosenberg herausgegebenen sogenannten “Nationalsozialistischen Monatsheften”.
Auf Gestaltungsplänen des Laufer Künstlers Fritz Ulrich aus dem Jahr 1938 für das neue Bürgermeisterzimmer, ist ebenfalls eine sogenannte “Führerbüste” und auf einem Entwurf sogar eine Büste mit Maria und Kind zu erkennen. Mittelpunkt des nationalsozialistischen Umbaus am Rathaus war allerdings ein eigens dafür angefertigter, neuer Türklopfer an der Eingangstür mit Hakenkreuz und antisemitischer Fratze. Jeder der weiß, wie ein Türklopfer “funktioniert”, kann hier den schrecklichen Hintergedanken, welchen die nationalsozialistische Partei damit symbolisch ausdrücken wollte, nur all zu leicht erkennen. Der Türklopfer wurde vom Laufer Kunstgewerbler Anton Müller (1885-1966) eigens für diesen Ort angefertigt. Eine Dublette davon schenkte die Stadt Lauf stolz dem “Frankenführer”, amtierenden Gauleiter und bekennenden Antisemiten Julius Streicher.


Wie überzeugt man von seinen Umgestaltungsideen war, lassen Zitate wie “Schon vieles, sehr vieles ist seit der Machtergreifung durch den Nationalsozialismus in Lauf besser und schöner geworden.”, erahnen. Gauheimatpfleger Karl Hoepfel bezeichnete den neuen Rathausbau in Lauf demnach “beispielhaft für bauliche Neugestaltung im Frankenland”. Das Rathaus war für die nationalsozialistischen Machthaber Dreh- und Angelpunkt der Partei. Hier hatte die Parteiorganisation ihren Platz, hier fanden Ortssitzungen oder Gau- und Kreisbesprechungen statt. Aber auch die tägliche Ausübung von Terror und Gewalt in den dortigen Amtszimmern darf im Zusammenhang mit dem Rathaus nicht vergessen werden. (7. Exkurs: Terror und Schrecken durch die Nationalsozialisten im Landkreis Lauf)

