
Phase 1: Ideologie – Burg
Repräsentation der NSDAP
“Der Laufer selbst weiß sehr wohl, dass er auf sein “Wenzelschloss” stolz sein kann.” Dieses Zitat entstammt einem Zeitungsartikel “Vom Wappensaal im Laufer Schloss” von August Sieghardt in einer Ausgabe einer Sonderveröffentlichung mit dem Titel “3 Jahre Aufbau. Nationalsozialistische Aufbauarbeit im Kreis Lauf” aus dem Jahr 1936. Es lässt die Bedeutungssteigerung der Laufer Burg als historisches Symbol im öffentlichen Bewusstsein der Bürger während der Zeit des Nationalsozialismus deutlich erkennen.

IEine derartige “kulturgeschichtliche Sehenswürdigkeit ersten Ranges” machte nicht nur auf die Einheimischen, sondern vor allem auch auf Gäste der Stadt einen bedeutenden Eindruck. Das Geschichtsbild, das die nationalsozialistische Ideologie erzählte und damit entsprechend veränderte, war stark auf das Mittelalter konzentriert. Ausgedeutet wurde diese Epoche als “Wiege des Deutschtums”, am Ende dessen historischer Weiterentwicklung das nationalsozialistische Deutschland mit Adolf Hitler an der Spitze stehen musste.
Die zwei großen Säle, der damals als “Rittersaal” bezeichnete heutige “Wappensaal” und der Kaisersaal, waren um diese Zeit allerdings nicht wie heutzutage für Besucher öffentlich zugänglich, denn die Räumlichkeiten in der Burg, in der sich seit Beginn des 19. Jahrhunderts das Bayerische Amtsgericht befand, waren in ihrer historischen Bedeutung noch nicht erkannt und wurden dementsprechend noch als Amtsräume genutzt. Im später als “Rittersaal” bezeichneten Raum befand sich zu Beginn der 1930er Jahre noch das Grundbuchamt des Gerichts. Die Wände waren mit weißer Wandfarbe in mehreren Schichten gestrichen.
Im Jahr 1934 besuchte der Berufsschullehrer und Leiter des Stadtarchivs August Rebmann, das mit Aktenregalen und Schränken möblierte Grundbuchamt, wo er über die Laufer Flurnamen forschte, als ihn Oberamtsrichter Schmidt auf “Unebenheiten” an den Wänden aufmerksam machte. Nachdem die Farbe an einigen Stellen entfernt worden war, traten Teile des Wappenfrieses und Originalputze des 14. Jahrhunderts zutage. Nach und nach erschloss sich das gesamte Ausmaß der Bedeutung dieses Raumes: 110 als Tiefreliefs in Sandstein gehauene Wappen von Adelsgeschlechter, Städten und Bistümern in zwei Reihen demonstrieren die Gefolgschaft Kaiser Karls IV. in der von ihm errichteten Burg im “neu entdeckten” nun “Rittersaal” betitelten Raum.
Eine frühere Renovierung aus der Wende zum 20. Jahrhundert hatte der mittelalterlichen Struktur des Raumes keine Bedeutung zugemessen. Spätestens seit seiner Wiederentdeckung stand der Raum nun im Mittelpunkt des allgemeinen Interesses, vor allem im Fokus der nationalsozialistischen Stadtführung und der Kreisleitung. Maßgebliches Ziel war es von nun an, die Putzschichten fachgerecht zu entfernen, den Saal freizustellen, der Öffentlichkeit zu erschließen und als repräsentative Kulisse für die Partei zu nutzen.


Vor allem der Laufer Bürgermeister Georg Herzog (1933 – 1943) und der Leiter des Stadtarchivs August Rebmann forderten nun den Staat beziehungsweise das Reich als Besitzer der Laufer Burg dazu auf, den Wappensaal für die Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Man begründete dies vor allem damit, dass die Zusammenhänge zwischen Franken und den in den Wappen verewigten Adelsfamilien für das Interesse der fränkischen und deutschen Geschichtsforschung von großem Interesse seien, weswegen das Grundbuchamt dringlichst in andere Räumlichkeiten verlegt werden solle. Auf diese Weise hätte die Stadt Lauf nicht nur eine Sehenswürdigkeit mehr, sondern auch die Geschichtsforschung in Franken würden ihre Aufmerksamkeit auf Lauf lenken. Die Freigabe des Wappensaales für die öffentliche Besichtigung sei dementsprechend auch für die Denkmalpflege von großer Bedeutung. Doch erst fünf Jahre nach der Wiederentdeckung, im Jahr 1939, wurden die Freilegungsarbeiten im Wappensaal nach langen Verhandlungen vorgenommen. Verantwortlich für die Maßnahme waren der Oberlandesgerichtspräsident Nürnberg, das Landbauamt und das Landesamt für Denkmalpflege.
Nachdem man die Regale im Grundbuchamt entfernt hatte, startete man mit der Instandsetzung. Die Freilegungsarbeiten der Wappen wurden von einem Nürnberger Restaurator ausgeführt. Die Schicht wurde Quadratzentimeter um Quadratzentimeter abgetragen. Außerdem sollte die Farbe, die an manchen Stellen der Wappen noch zu sehen war, erneuert werden.
Dem damals noch schlechten Zustand der Wappen war es allerdings geschuldet, dass man sie zunächst nur schwer identifizieren konnte. Selbst dem Laufer Stadtchronisten Karl Sauer, der lange Zeit Amtsrichter in der Burg war, blieben einige Wappen unbekannt. Unmittelbar nach der Freilegung der Wandflächen beschäftigten sich eine Vielzahl wissenschaftlicher Persönlichkeiten mit dem Laufer Wappensaal. Wissenschaftliche Studien zu diesem Thema gab es zum Beispiel von August Rebmann selbst, der bereits im Jahr 1934 in einem Artikel der “Fundgrube”, der heimatkundlichen Beilage der Pegnitz-Zeitung, eine Verlegung des Grundbuchamtes angestoßen hatte, um nach Freilegungsarbeiten den Wappensaal öffentlich zugänglich zu machen. Allerdings sollte es bis zu diesem Ziel noch ein “weiter und steiniger Weg” werden. Doch Rebmann, der bei seinem Vorhaben maßgeblich vom ersten Bürgermeister Georg Herzog unterstützt wurde, gab den Kampf nicht auf. Am 21. Dezember 1938 verkündete man nun in einem Artikel der Pegnitz Zeitung stolz die Wiederherstellung und Instandsetzung des Wappensaales im Amtsgericht.
Auch die Fenster sollten erneuert, vergrößert und durch als “stilecht” empfundene Fensterkreuze in eine vermeintlich ursprüngliche Form zurückgebracht werden. Der im Zuge zum Umbau im Amtsgericht eingebrachte Türdurchbruch im Wappensaal wurde zur ursprünglichen Größe der Türöffnung rückgebaut und die dazugehörige Wand in einem Zeitungsartikel von 1938 als “die schönste Wappenecke” bezeichnet.


Der Wappensaal wurde nun, nach der Instandsetzung, als Sitzungssaal des Gerichts genutzt, weshalb er eine seiner neuen Funktion entsprechende und dem vermeintlichen Stil seiner Entstehung nachgebildete archaische Möblierung erhielt. Das zentrale monumentale
Eingangstor zur Burg unter dem sogenannten Wenzelturm wurde darüber hinaus durch eine neue Bemalung hervorgehoben: bis 1945 zeigte es einen großflächigen Reichsadler, der zwischen seinen Klauen einen Eichenblattkranz mit einem Hakenkreuz hielt.
Die nationalsozialistische Partei und ihre Laufer Funktionäre benutzten auf diese Weise nicht nur das geschichtliche Fundament, das ihnen das Denkmal bot, als Ehrfurcht erweckende Kulisse, sondern legitimierten vor solchem Hintergrund eigenen Machtanspruch und inszenierten sich als “Förderer” von Kultur- und Heimatgeschichte, Forschung und Tourismus.
In der Pegnitzzeitung aus dem Jahr 1938 lobte man das Vorhaben in hohen Tönen: “Der Wappensaal des Laufer Schlosses wird nicht nur eine neue Perle im Kranze der Schönheiten des Frankenlandes und eine Fundgrube für den Wissenschaftler, sondern wohl auch der schönste historische Gerichtssitzungssaal in ganz Deutschland.”
Daher scheint es ideologisch nur folgerichtig, dass die NSDAP den Wappensaal vor allem für parteiinterne Feiern und Veranstaltungen zeremonieller Art nutzte. So fand hier am 4. Februar 1945, kurz vor Kriegsende, eine von vielen “Heldenehrungsfeier” für den im November 1944 gefallenen Alfred Schmidt statt, die von der Kreisleitung “Fränkische Alb” der NSDAP organisiert worden war.


