Inszenierung der NSDAP


Der Marktplatz war der zentrale Ort, an dem sich die zahlreichen politischen Veranstaltungen, Aufmärsche und Kundgebungen der NSDAP abspielten. Die Partei inszenierte sich hier selbst und hatte dazu ihre perfekte Kulisse im Zentrum der Stadt. Einschlägige NS-Symbolik wie der obligate Fahnenschmuck, Fackeln, die Uniformen der einzelnen Gruppierungen und anderes stellte die Attribute. Anlässlich des Tages zur Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler veranstaltete die nationalsozialistische Partei eine Siegesfeier und einen Fackelzug mit ca. 250 Teilnehmern aus den Gruppierungen der SA, SS und der HJ. Endstation des Fackelzugs war der Marktplatz als Zentrum der Stadt. Solche Veranstaltungen wurden von der NSDAP oder deren Gruppierungen wie der NS-Frauenschaft organisiert. Sämtliche Berichte über diverse Aufmärsche oder Kundgebungen ebenso wie das reichlich erstellte Fotomaterial, zeugen von Massen an Zuschauern, die sich am Laufer Marktplatz versammelten. Man lud die Bevölkerung zum Beispiel zu einem Vorbeimarsch der Standarte „Feldherrenhalle“ ein, die anlässlich des Reichsparteitags Nürnberg in Lauf zu Gast war, bat darum, den Marktplatz von Fahrzeugen freizuhalten und sorgte sogar dafür, dass ein ansässiger Gemüsestand um einige Meter verschoben wurde.

Massenveranstaltung am Marktplatz anlässlich des Besuchs von Vertretern der Gauleitung zum Kreistag der NSDAP in Lauf am 19. 6. 1939. Alle Gruppierungen der Partei sind in Formationen angetreten.

Im Jahr 1938 lud man in der Pegnitzzeitung zur “Jungmädel Feierstunde” am Oberen Marktplatz ein. Anlass war der Übertritt der 14-jährigen Jungmädel in den Bund Deutscher Mädel (BDM). Selbst im Jahr 1944, ein Jahr vor Kriegsende und trotz der von Bomben zerstörten Gebäude am Platz, war der Marktplatz noch immer ein Ort für Großkundgebungen der Nationalsozialistischen Partei. In diesem Fall war es der Geburtstag Adolf Hitlers, der bei den Nationalsozialisten als „Feiertag“ galt. Neben den Veranstaltungen am Marktplatz selbst, waren es vor allem auch die eingesessenen Gasthäuser, in denen sich das Leben und die Organisation der Partei abspielte. Zu nennen sind hier das Weiße Ross oder das Gasthaus Wilder Mann. In beiden Häusern trafen sich Gruppierungen der NSDAP. Nach deren Gründung im Jahr 932 fungierte das Gasthaus Wilder Mann sogar als Geschäftsstelle der SS und auch der Nationalsozialistische Kraftfahrerkorps (NSKK), dessen Aufgabe es war nach der Machtergreifung Staatsgäste und NS-Funktionsträger zu befördern, war um 1940 dort untergebracht. Außerdem organisierten die Parteiorgane politische und motorsportliche Großveranstaltungen. Vor der Gaststätte befand sich ein Schaukasten, in dem man nationalsozialistische Zeitschriften wie “Völkischen Beobachter” oder “Stürmer” ausgehängt waren. Solche “Stürmerkästen” wurden vom Kreisleiter auch für weitere Orte im Landkreis veranlasst, in dem er zuvor in einem Schreiben auch auf den “vorbildlich angebrachten Stürmerkasten” am Laufer Marktplatz verwiesen hatte. 1933 übertrug man die Rundfunkrede Adolf Hitlers im Gasthaus Wilder Mann, nachdem zuerst eine Kundgebung vor dem Rathaus stattgefunden hatte.

Am 06. Mai desselben Jahres veranlasste Lehrer Karl Schuster (1908 – 1958), damaliger Leiter der Hitlerjugend, im Rahmen einer Versammlung der sogenannten “Landessammlung für die Bayerische Jugend” eine Kundgebung zu der die reichsweiten angeordneten Bücherverbrennung auf dem Oberen Marktplatz vorgesehen war. Das Laufer Tagblatt vom 08./09. Mai 1933 berichtete:

“Nach einem von der HJ vorgetragenem Lied, hielt Schuster eine Ansprache mit dem Motto “Nie wieder Marxismus.”

Marxistische Bücher und Schriften, die entsprechend der nationalsozialistischen Ideologie “undeutsche und unmoralische Tendenzen” verbreiteten, sollten an jenen Abend verbrannt werden. Begründet hatte man dieses Vorhaben damit, dass es sich hierbei um eine symbolische Geste handele: Jene literarischen Schriftwerke sollten “fern vom deutschen Volk und vor allem der Jugend bleiben”. Die Jugend müsse aktiv dazu beitragen, um die Zukunft “in ihren Händen zu halten”. Daraus wird ersichtlich, weshalb man diese Aktion bei einer Kundgebung der Jugendverbände durchführen wollte. Nachdem ein marxistisches Plakat ins Feuer geworfen worden war und man das Lied “Flamme empor” gesungen hatte, setzte allerdings Regen ein, der einen weiteren Fortgang der Veranstaltung verhinderte.

Kundgebung in Lauf anlässlich des Reichsparteitages in Nürnberg. Ansprache des Gauleiters und Bayerischen Kultusministers Hans Heinrich Schemm am 7. September 1934

Über die Gestaltung von Veranstaltungen am Marktplatz hinaus, “erschuf” sich die Laufer NSDAP in gewisser Weise ein neues, parteigerechtes Erscheinungsbild des Platzes, das bis heute den Marktplatz prägt: “Das fränkische Bild unserer Stadt zu erhalten und wieder ganz herzustellen” war der erklärte Wunsch der NSDAP und ein Zitat des Stadtratsmitglieds Karl Schuster aus einem Zeitschriftenartikel der “Fränkischen Heimat” mit dem besagten Titel “Lauf wird schöner” aus dem Jahr 1938. Dieses neue und nach nationalsozialistischer Auffassung “schöne” Bild des Marktplatzes sollte vor allem durch das Freilegen alter Fachwerke an den Häusern am Marktplatz entstehen, wobei die nationalsozialistische Stadtverwaltung die betreffenden Hausbesitzer sogar mit Zuschüssen unterstützte. Aber auch Neubauten mit Fachwerk wurden zu dieser Zeit errichtet. 1938 war ein derartiges Projekt bereits eifrig im Gange. Der Stadttorgraben sollte von all den “häßlichen Einbauten” befreit werden und “das alte Bild neu geschaffen werden”. Bei mehreren Gasthäusern am Marktplatz wurde oder war bereits das Fachwerk freigelegt worden.

Ein Zeitungsartikel vom 28. Juni 1938 erwähnt den Umbau der Gastwirtschaft Lehner (“Roter Ochse”) am Marktplatz. Die Hausbesitzer wurden in der Pegnitz Zeitung im selben Jahr dazu aufgerufen „diesen Beispielen nachzufolgen.“ Die frühere Neugestaltung des Gasthauses “Wilder Mann” am Marktplatz bezeichnet Stadtratsmitglied Karl Schuster sogar als ein “Musterbeispiel praktischer Privatinitiative”. Durch die Freilegung des Fachwerkes und die Wiederherstellung des Erscheinungsbildes des Innenhofs vom Gasthaus “Wilder Mann” wurde das Bild des Marktplatzes demnach stark aufgewertet und aus einem “kleinen, unscheinbaren Gasthof” sei ein “Betrieb mit vielen Fremdenzimmern geworden”. Bereits ein im Zuge des Umbaus neu hinzugekommenes, kunsthandwerklich gestaltetes Wirtshausschild stellt den “ernsten Willen des Besitzers dar, einen Teil zur “Verschönerung” des Stadtbildes beizutragen”. Im Jahr 1936 gab es ein erstes Anschreiben des Wirtshausbesitzers Konrad Völkel mit der Bitte um Zuschuss zur Instandsetzung des Innenhofs und 1937 ein weiteres mit dem Titel “Freilegung des Fachwerks am Gasthof zum “Wilden Mann” “, worin der Gastwirt um Zuschüsse vom Bezirksamt bittet.

Der Plan zur Umgestaltung des Gasthauses “Wilder Mann” sah vor, einen mächtigen Fachwerkbau mit Kolonnaden zu errichten, um in diesem Zusammenhang einen besseren Blick auf das Nürnberger Tor zu erhalten. Zur gleichen Zeit wurden beide Stadttore einer Ausbesserung und Umgestaltung unterzogen. Auch Durchbrüche durch das Nürnberger und das Hersbrucker Tor waren vorgesehen, da an diesen beiden Stellen aufgrund des erhöhten Verkehrsaufkommens Fußgängerwege nötig waren. Außerdem würde sich die neue Form besser in das altehrwürdige Bild des Marktplatzes einfügen.

„Vorbeimarsch“ des Musikzugs der politischen Leiter der NSDAP des Gaues Ostmark vor dem Gauleiter Hans Heinrich Schemm in Lauf während des Reichsparteitags am 7. September 1934

Der Marktplatz diente in der NS-Zeit also vor allem auch als Ort der Parteipropaganda. Zu dieser Form der nationalsozialistisch inszenierten Selbstdarstellung gab es ein anderes großes und international bedeutendes Vorbild im benachbarten Nürnberg: die Reichsparteitage, die ab 1927 dort stattfanden. Auch für die Stadt Lauf spielte dieses internationale jährliche Großereignis und seine dramaturgische Ausgestaltung eine große Rolle. Bei jedem Reichsparteitag wurden die Laufer Bürger dazu aufgerufen, die Mitglieder der SS-Standarte “Feldherrenhalle” bei sich zu beherbergen. In einem öffentlichen Schreiben der Kreisleitung der NSDAP Lauf, angeführt vom damaligen Kreisleiter Erich Walz, aus dem Jahr 1937 wurde dazu aufgerufen “wie jedes Jahr an den Reichsparteitagen”, Männer der Standarte “Feldherrenhalle” in den Gemeinden Lauf, Röthenbach, Rückersdorf und Behringersdorf als Gäste bei sich unterkommen zu lassen.” In diesem Jahr wurden rund 2000 Männer erwartet, wobei ca. 1000 Mann in Lauf und Heuchling in Privatquartieren unterkommen sollten. Die Partei erinnerte an das “bunte und soldatische Leben und Treiben”, das zu diesen Zeiten in Lauf und Umgebung herrschte, wenn die Standarte mit ihren “Führern”, einem Musikzug und zahlreichen Fahrzeugen anreiste. Außerdem könne man so seine “fränkische Gastfreundschaft” unter Beweis stellen und es wurde eine “ausreichende Vergütung” versprochen. Dafür waren die Privatleute beauftragt, das ein Quartier mit Verpflegung zu gewährleisten. Der Quartiergast sollte an diesen Tagen in die Familiengemeinschaft miteinbezogen werden und am gemeinsamen Mittagstisch teilnehmen, wobei für das Mittagessen 70 Pfennig vergütet wurden. Derjenige der keine Verpflegung anbieten konnte, hatte die Möglichkeit nur eine Herberge zur Verfügung zu stellen. Durch den Bau der Reichsautobahn in dieser Zeit waren ohnehin viele Arbeiter von Privatleuten aufgenommen worden, weshalb die Anzahl der verfügbaren Quartiere vor Ort beschränkt war. Dennoch rief man dazu auf, nach Möglichkeit sogar mehrere SA-Männer aufzunehmen, wenn genügend Platz und Verpflegung vorhanden waren. Auf einem Abriss, der dem Aufruf beigefügt wurde, konnte neben der Anmeldung auch vermerkt werden, ob man die Gäste des letzten Jahres erneut beherbergen möchte.

SS-Männer auf der Terrasse der Barth-Villa, Unterbringung zum Reichsparteitag 1934
Aus einem Fotoalbum aus dem Nachlass der Familie Barth

Auf Gestaltungsplänen des Laufer Künstlers Fritz Ulrich aus dem Jahr 1938 für das neue Bürgermeisterzimmer, ist ebenfalls eine sogenannte “Führerbüste” und auf einem Entwurf sogar eine Büste mit Maria und Kind zu erkennen. Mittelpunkt des nationalsozialistischen Umbaus am Rathaus war allerdings ein eigens dafür angefertigter, neuer Türklopfer an der Eingangstür mit Hakenkreuz und antisemitischer Fratze. Jeder der weiß, wie ein Türklopfer “funktioniert”, kann hier den schrecklichen Hintergedanken, welchen die nationalsozialistische Partei damit symbolisch ausdrücken wollte, nur all zu leicht erkennen. Der Türklopfer wurde vom Laufer Kunstgewerbler Anton Müller (1885-1966) eigens für diesen Ort angefertigt. Eine Dublette davon schenkte die Stadt Lauf stolz dem “Frankenführer”, amtierenden Gauleiter und bekennenden Antisemiten Julius Streicher.

„Vorbeimarsch“ der SA-Wachstandarte auf dem Marktplatz in Lauf anlässlich des „Reichsparteitags der Ehre“ 1936.

Die nicht bei Privatleuten untergekommenen SA-Männer mussten in den Laufer Gaststätten “verköstigt” werden. Während des geplanten, aber aufgrund des Kriegsbeginns nicht stattgefundenen Reichsparteitags 1939 sollten die Mitglieder der SS-Standarte zum Beispiel in den Fremdenzimmern des Weißen Rosses, aber auch im Gasthaus “Wilder Mann” unterkommen. Geplant war, den Gästen Mittagessen im Wert von 75 Pfennigen zur Verfügung zu stellen. Es sollte aus Suppe, Fleisch und Gemüse bestehen. Während der Zeit der Reichparteitage war die Beherbergung von Verwandten und anderen Gästen sowohl für die Gaststätten als auch für Privatleute seitens der Parteiführung zugunsten der Teilnehmer der Reichsparteitage verboten. Kreisleiter Erich Walz versicherte zuletzt, dass die “Volksgenossen” durch die gastfreundliche Aufnahme im Kreis der “Gefolgsmannen Adolf Hitlers” das Treuebekenntnis zu Adolf Hitler zum Ausdruck bringen würden. Zahlreiche Fotos im Stadtarchiv zeigen die Aufmärsche der SA-Staffel “Feldherrenhalle” auf dem Laufer Marktplatz.