
Phase 1: Ideologie – Das Archiv im Spital
“Völkische Verwurzelung” der NSDAP
Das Glockengießerspital in Lauf blickt auf eine lange Geschichte zurück. Im Jahr 1374 stiftete der namensgebende Nürnberger Glockengießer Hermann Kessler gemeinsam mit seiner Frau Elisabeth das Laufer Spital unter Einbringung großen persönlichen Einsatzes und erheblichen Vermögens. Die Spitalgründung gereichte der Stadt nicht nur zu Wohlstand, sie wurde über die Jahrhunderte zum Symbol sozialen Engagements und Gemeinsinn. Der Gebäudekomplex des Glockengießerspitals war daher bereits vor der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur ein in der Öffentlichkeit historisch angesehener Ort von großer Bedeutung für das Gemeinwohl. Diesen wusste man im Sinne des aufgewerteten Geschichtsbildes, ähnlich der mittelalterlichen Laufer Burg ab 1934 seitens der diktatorischen Machthaber mit Bedeutung zu belegen.
Doch kurz zurück zur Geschichte des Städtischen Archivs: Die aus der Stadtverwaltung seit Jahrhunderten erwachsenen Urkunden und Akten waren ursprünglich im Rathaus gelagert und vom Juristen der Stadt verwaltet, der damit gleichzeitig als Archivar fungierte. 1876 mussten die Archivalien einem Umbau des Rathauses weichen und wurden bereits zu diesem Zeitpunkt ein erstes Mal, jedoch wenig sachgerecht im Spital gelagert.

Darüber hinaus wurde in Lauf schon 1908 ein “Verein für Heimat- und Altertumskunde Lauf und Umgebung” gegründet, dessen Ziel damals bereits die Einrichtung eines “Bezirksmuseums Lauf” war. Der Verein sammelte historisch wertvolle Objekte aus den Abgaben der Laufer
Bürgerschaft. Der Erste Weltkrieg bereitete diesem Vorhaben zunächst ein Ende. Der Entschluss, ein auch für die Bürger geöffnetes kommunales Archiv mit einem angeschlossenen Museum als offizielle städtische Institution zu gründen, wurde dann bereits zu Beginn der 1930er Jahre wieder aufgenommen und fand seinen ersten Standort als „Heimathaus“ in der Hermannstraße, wo es 1933 einer Schule für die SA weichen musste.
Die Laufer Burg und der sogenannte “Judenturm” der Laufer Stadtmauer wurden als mögliche Standorte aufgegriffen und wieder verworfen. Schließlich geriet das Spital als historisch würdiger Ort erneut in den Blick und entsprach als geschichtlicher Ort „völkischer Verwurzelung“ (also im pervertierten Sinn der Weltanschauung der Diktatur einem Gebäude, das zum Volk als Rasse gehörte), genau dem Idealbild nationalsozialistischer Ideologie. “Eine stolze, selbstbewusste Stadt, die sich freudig zu ihrer Vergangenheit bekennt, besitzt auch ein eigenes Archiv“, heißt es in einem
Artikel der gleichgeschalteten Pegnitz-Zeitung vom 23./24. Januar 1935 und der nationalsozialistische Bürgermeister Georg Herzog erhob die “Neugründung” eines institutionalisierten Stadtarchivs mit angegliedertem Heimatmuseum zur Chefsache, um mit Hilfe des Archivs die nationalsozialistische Ideologie zu stützen und deren Einrichtung als Errungenschaft der Partei zu feiern.
Die “Erweckung” und Herausbildung eines tief verwurzelten Geschichtsbewusstseins, sollte einhergehen mit der kulturellen Überhöhung des eigenen Landes, um über alle gesellschaftlichen, sozialen und politischen Unterschiede hinweg die Begriffe “Heimat” und “Volk” als Grundlage der einigenden “Volksgemeinschaft” zu festigen. Beide Inhalte wurden in dieser Hinsicht emotional überhöht. Der vorrangigen Aufgabe “den Heimatsinn zu pflegen”, konnte ein öffentliches Archiv im historisch “aufgeladenen” Gebäude der Stadt in hervorragender Weise nachkommen.

Archiv und Museum standen ab sofort im Dienst der nationalsozialistischen Ideologie. In seiner Rede anlässlich der Eröffnung des Stadtarchivs im April 1935 betont der Bürgermeister, dass die (nach dem Ersten Weltkrieg) “verlorene Seelengröße” Deutschlands mit der “Bildung einer geschlossenen deutschen Volkskultur” wieder hergestellt werden kann. Auch der für das Archiv überaus engagierte erste Leiter des Stadtarchivs – Berufsschullehrer August Rebmann – konnte diesen Schwerpunkt, den die Nationalsozialisten archivischer und heimatkundlicher Forschung zuwiesen, für seine Aufbauarbeit der städtischen Institution nutzen. Im Januar 1934 äußert er sich in der Heimatbeilage der Pegnitz-Zeitung folgendermaßen: “Der Heimatboden ist und bleibt der Jungbronnen eines jeden Volkes. Erst über Familie und Heimat führt der Weg zum Stamm, Volk und Staat. … Und so erwächst als Hauptaufgabe des Heimatmuseums, die Volksgenossen aus der Heimat heraus für die Heimat, für Volk und Vaterland zu erziehen. … Um diese wahrhaft völkische Erziehung erfüllen zu können, muß das werdende Heimatmuseum die Mitarbeit aller finden.”
Angelegt im rassistisch – “völkischen” – Weltbild der Diktatur, war bereits die Wichtigkeit der Genealogie. Abstammungsnachweise sollten die deutsche – “arische” – Abstammung belegen. Als Belege galten sieben beglaubigte Geburts- oder Taufscheine, die an den entsprechenden Behörden vorgelegt werden mussten. Die nun anfallende Fülle an genealogischer Recherchearbeit musste zusätzlich gestemmt werden von Standesämtern, Pfarrämtern und eben ARCHIVEN, deren Bedeutung im Allgemeinen Ansehen auch aus diesem Grund wuchs.
Das “neue” Laufer Stadtarchiv übertrug dafür die Daten der schwer lesbaren Kirchenbücher der St. Johanniskirche in eine maschinenschriftliche Zettelkartei, um den Anfragen zu den Abstammungsnachweisen schneller nachkommen zu können.
Um die schweren Archivregale sicher im Bräuhaus des Spitals unterzubringen, wurde das Stallgewölbe abgetragen, stattdessen sollten neue Pfeiler die Decke des Obergeschosses aus feuersicherem Eisenbeton tragen. Auch die Objekte der heimatmusealen Sammlung fanden ihren Weg in das Spital unter der Ägide des Archivs. Wie erfreut man über die nun neugewonnenen Räume für das Stadtarchiv und die museale Sammlung war, kann man
bereits einige Monate später in einem Artikel der Pegnitz-Zeitung vom 03./04. August 1934 lesen, wo es heißt: “Es wird wenig städtische Archive in Bayern geben, die so lichte und weite Räume zur Verfügung haben, als wir in Lauf.” Einige Monate später, im Januar 1935, schreibt man: “Es gibt nicht viele Städte in Bayern, die eine gleich ähnliche Einrichtung ihr Eigen nennen können, wie gerade Lauf.”

Der neue Leiter August Rebmann war es auch, der die Bestände des Archivs in monatelanger Arbeit sichtete, ordnete, katalogisierte und für den wissenschaftlichen Aufbau der Akten und Urkunden sowie der Unterbringung und Auswertung des gesamten archivalischen Materials zuständig war. Die dazu notwendigen finanziellen Mittel brachte er teilweise aus eigener Tasche auf. “Das Archiv ist das Gedächtnis eines Gemeinwesens”, heißt es in dem Artikel “Vom Laufer Stadtarchiv” vom 23./24. Januar 1935.
Die Laufer Bürger werden in der Presse dazu aufgerufen, Familienpapiere durchzusehen und eventuell Überflüssiges an das Archiv als Leihgabe abzugeben. Auch alte Zeitungen und Bücher wurden angenommen. “Darum an die Arbeit, ihr Bürger von Lauf! Haltet Nachschau nach alten Papieren!” heißt es unter anderem in dem Artikel. “Unsere Nachkommen werden es uns danken und auch die Mitwelt wird mit Bewunderung auf unser geschaffenes Werk schauen.” Den Höhepunkt der Aufforderung zum Aufbau des Archivs erreichte man wohl mit der Zeile “Lauf muss in Franken unter den Kleinstädten an der Spitze stehen.”
Am 28. April 1935 wurde das neue Stadtarchiv im Rahmen eines “Heimattages” feierlich eröffnet. Um die 100 Heimatforscher aus Franken nahmen daran teil und auch die Laufer Bevölkerung zeigte großes Interesse. Anwesend waren außer den Vertretern staatlicher Behörden und der nationalsozialistischen Partei, Stadträte und Bürgermeister von Nachbargemeinden. Zu den auswärtigen Festgästen gehörten zum Beispiel der Nürnberger Archivdirektor Dr. Emil Reicke, der Nürnberger Bibliotheksdirektor Dr. Friedrich Bock und der Direktor der Graphischen Sammlungen in München und gebürtiger Laufer Dr. Otto Weigmann. Letzterer stellte dem Stadtarchiv im Rahmen der Archiv-Eröffnung seine private graphische Sammlung von ca. 200 Blättern – sein Lebenswerk – zur Verfügung. Den Abschluss der Eröffnungsfeier bildete ein Lichtbildervortrag von Dr. Wilhelm Kraft vom Verein für Geschichte der Stadt Nürnberg über den Wappenfund im damals sogenannten “Rittersaal” mit Gesichtspunkten und Forschungsergebnissen über Bedeutung und Entstehung der Wappen. August Rebmann wurde an dieser Eröffnungsfeier zum Leiter des Archivs bestimmt.
Die Eröffnungsfestlichkeit diente ebenso wie die Neueinrichtung des Stadtarchivs der Selbstdarstellung der NSDAP, denn über die kulturelle “Errungenschaft” für die Stadt – das neue Stadtarchiv – waren sich die Nationalsozialisten mehr als bewusst. Bereits in der Ansprache des ersten Bürgermeisters Georg Herzog erwähnte dieser, dass “der
nationalsozialistische Staat durch die Beseitigung der Arbeitslosigkeit eine wirtschaftliche Grundlage geschaffen habe und dadurch ein Ringen um die seelische, kulturelle Neugestaltung der Nation einsetzte, die man vor allem durch die Einrichtung von Archiven erreiche.”
Am Beispiel der Einrichtung eines Stadtarchivs in Lauf zeigt sich erneut, wie überzeugend sich die Partei als “Förderer” von Kultur und Geschichte innerhalb der Stadt Lauf darzustellen vermochte, was weitere Zitate aus der damaligen Presse belegen. 1934 berichtet ein
Zeitungsartikel “vom neuen Laufer Stadtarchiv”: “Man merkt es geht ein anderer Zug durch die Stadt, man hat Sinn für Kultur und man weiß, was man den Vorfahren schuldig ist.” In einem weiteren Zeitungsbeitrag zum Thema schreibt man, dass Stadtarchive vor dem Nationalsozialismus nur “von dem begrenzten Gesichtspunkt der städtischen Verwaltung aus betrachtet” wurden. Nun, in Zeiten des Nationalsozialismus, sieht man Stadtarchive als
“Grundlage heimatlicher Tradition und Kultur”.
Das Thema steigert sich nochmals in einem Artikel aus dem Jahr 1935 in der Heimatbeilage zum Laufer Tagblatt unter dem Titel “Alt-Lauf”. Da die Bestände vor der Gründung des Archivs unsachgemäß gelagert worden waren und man diesen zudem wenig Aufmerksamkeit schenkte, ist dort zu lesen: “Im Dritten Reich denkt man über derlei Dinge anders”. “Im Dritten Reich Adolf Hitlers findet auch die Vergangenheit einer Kleinstadt jene Beachtung und Würdigung von oben, die sie verdient.”
Auch der Spitalhof sollte als Veranstaltungsort für Serenaden und Kulturabende, die von der NSDAP organisiert waren, genutzt werden. Im August 1934 fanden auf Einladung der Ortsgruppe der NSDAP Lauf Samstag- und Sonntagabend Freilichtspiele der Deutschen Volksbühne Nürnberg im Spitalhof statt. Die Idee schien vom Ortsgruppenleiter der NSDAP Hans Seehofer persönlich zu kommen, der bei seiner Ansprache angab, dass sich die Ortsgruppe zum Ziel gesetzt habe auch ein Stück Kulturarbeit zu leisten, die in der “Kampfzeit” etwas zurückgesetzt werden musste. Die sogenannte “Kampfzeit”, ein nationalsozialistischer
Propagandabegriff, meint die Zeit von der Gründung der Partei bis zur „Machtergreifung“

Auch beim Spitalgebäude wurde im Sinne der nationalsozialistischen “Bauideologie” anlässlich der Renovierung im Jahr 1936 das Fachwerk freigelegt. Der Zustand der Balken erwies sich als äußerst schlecht. Einige erneuerte man gänzlich. Ein Jahr später folgte die Renovierung der Spitalruine: Die gotischen Fensteröffnungen wurden wieder freigelegt, die in früheren Zeiten im Sinne des Nationalsozialismus “hässlich vermauert” worden waren und innerhalb des ruinösen Kirchenschiffs wurde ein Garten angelegt. Geplant war die Veranstaltung von Konzerten an dieser Stelle.
Nach der Renovierung der Spitalgebäude im Jahr 1937 wurde ein Teil des Wehrgangs über den Schweineställen des Spitals als Versammlungsort für die Hitler-Jugend ausgewiesen.







