
Phase 1: Ideologie – Weisses Ross
Gruppierungen der NSDAP
Das Gasthaus “Weiße Ross” am Marktplatz 41 war eines der größten Wirtshäuser der Stadt Lauf. Für die NSDAP und ihre Gruppierungen war das “Weiße Ross” auch ein fester Anlaufpunkt für parteieigene Versammlungen und politische Veranstaltungen. Der Nationalsozialismus lebte von der Masse der als Volksgemeinschaft bezeichneten Menschenmenge. Für Versammlungen waren daher Räume vonnöten, die große Anzahl an Personen fassen konnten. Deshalb konzentrierten sich die Veranstaltungen vor allem auf den großen Saal im Obergeschoß des Gasthauses, den man noch heute an den großen Fenstern zum Marktplatz hin erkennen kann.
Bereits mit der Bildung der Ortsgruppe der Deutschen Arbeiterpartei in Lauf, einer Vorläuferin der NSDAP im Jahr 1923, war die Gaststätte hinsichtlich der Ausrichtung der dort stattfindenden politischen Veranstaltungen festgelegt. Mit der späteren Gründung der nationalsozialistischen Partei in Lauf im Jahr 1928 fanden im Anschluss sämtliche Parteiveranstaltungen im Saal des Laufer Wirtshauses statt. Vor allem zur regelmäßigen Mitgliederversammlung der Ortsgruppe wurde ins “Weiße Ross” gerufen und dabei deutlich auf die Anwesenheitspflicht verwiesen. Aber auch andere öffentliche, von der NSDAP organisierte Veranstaltungen, fanden im Saal des Wirtshauses statt. Durch deren Besuch bekannte man sich laut Ortsgruppenleiter Leonhard Büchel (1901-1988) “zur Volksgemeinschaft“. Einladungen zu solch öffentlichen Parteiversammlungen, die sich zum Teil noch als Original im Laufer Stadtarchiv befinden und zu dieser Zeit regelmäßig in der Pegnitz-Zeitung auftauchen, sollten die Menschen für die Partei gewinnen. Die bewusste Steigerung einer Vielzahl an parteikonformen Freizeitangeboten diente dazu, den Mangel an Veranstaltungen der Zeit der Weimarer Republik bewusst zu überbieten. Die kulturellen Veranstaltungen, die von der nationalsozialistischen Partei nun angeboten wurden, galten in der allgemeinen Wahrnehmung daher als willkommene Abwechslung. In Lauf reichten sie von “Schneidiger Militärmusik und flotter Tanz” bis zu Filmvorführungen, die in erster Linie propagandistische Zwecke verfolgten. Ein Beispiel war die Einladung der Ortsgruppe Lauf der NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt) im Jahr 1937 zu einer Versammlung mit einem “Film über unsere Arbeit” im Weißen Ross.

Im Anschluss an die Versammlungen fanden oft Konzerte statt, so im März 1933 als die Stadtkapelle im Saal des “Weißen Rosses” mit einem “Vaterländischen Konzert” auftrat. Laut einem Bericht im Laufer Tagblatt war dies “ein durchschlagender Erfolg und gut besucht”. Gespielt wurden “vaterländische Weisen und die alten Militärmärsche”, wodurch die Zuhörer “voll und ganz in den Bann gezogen” wurden. Beim “Deutschlandlied” und dem “Horst-Wessel-Lied” sei die komplette Zuhörerschaft dann aufgestanden und habe mitgesungen. Laut einem Artikel aus der Pegnitz-Zeitung herrschten nach dem Konzert außerdem “wollender Jubel und Begeisterung”.
Für die kulturelle Bildung der Bürger innerhalb der NSDAP war offiziell die Organisation KdF (“Kraft durch Freude”) zuständig. In ihrem Auftrag lag die Organisation zu Theateraufführungen im Saal des Wirtshauses. Auch die Eröffnungssitzung des gleichgeschalteten Stadtrates nach der sogenannten “Machtergreifung” im April 1933 fand im Weißen Ross statt. Es war die letzte Sitzung des demokratisch gewählten Stadtrats, an welcher die Partei teilnahm. Die damals sowieso schon geringe Zahl an SPD-Mitgliedern in Lauf wurde zur letzten Sitzung zwar noch zugelassen, von Berlin aus hatte man aber bereits verfügt, dass SPD Stadträte von den Sitzungen ferngehalten werden sollten. Die Laufer SPD-Stadträte wurden zum Rücktritt aufgefordert, weigerten sich aber ihre von den Laufer Wählern erhaltenen Mandate aufzugeben und widersetzten sich strikt gegen sämtliche Aufforderungen. Da die Redner auf der großen Bühne des Saales sprachen, die sonst den Theateraufführungen vorbehalten war und die Vertreter der NSDAP während der Zusammenkunft die Vertreter der anderen Fraktionen dauerhaft öffentlich diffamierten, verkam diese konstituierende “Sitzung” eher zu einer Farce: Der NSDAP-Stadtrat Robert Kahlert hielt zum Beispiel eine Rede, in der er die SPD-Stadträte als “Diätenschinder” bezeichnete, weil sie je Sitzung 2,50-RM Aufwandsentschädigung erhielten.
NSDAP-Gruppierungen, wie die SA oder KdF unterhielten darüber hinaus ihr Büro im Gasthaus und nutzten dessen Saal. Die NSDAP unterhielt ein Büro im Rathaus, ein weiteres Parteibüro befand sich um 1940 im “Weißen Ross”, was der Laufer Zeitzeuge Hans Heyder in einem seiner Berichte anmerkte.
Unabhängig davon, konnten im “Weißen Ross” auch Werbeveranstaltungen stattfinden. Diese mussten aber zuvor von der Leitung der NSDAP genehmigt werden. Davon berichten zum Beispiel die jährlichen Schreiben der Firma Thalysia “Deutsche Reformwaren-Werke” aus Leipzig an die Polizeibehörde in Lauf.

In der ersten Reihe links: Kreisleiter Erich Walzund Bürgermeister Georg Herzog.
Ein Zeitzeugenbericht aus dem Stadtarchiv beschreibt eine Begebenheit aus dem Jahr 1934, die die außerordentliche Bedeutung des “Weißen Rosses” als Versammlungsraum für die nationalsozialistische Partei unterstreicht: Dabei geht es um die sogenannte “Kreisleiter Hirschmann-Streicher Affäre” und ihre Folgen, die der Zeitzeuge Siegwart Eckert aus Lauf im Jahr 1990 für das Stadtarchiv niederschrieb. Demnach verbreitete sich 1934 das Gerücht, das der damals neu eingesetzte Kreisleiter Fritz Hirschmann nicht davor zurückschrecke, auch einmal “kräftig zuzuschlagen”. Bekannt war, dass sich Gauleiter Julius Streicher gerne mit einer Reitpeitsche zeigte und Kreisleiter Hirschmann es ihm, laut Erzählungen gleichtat. Als sich die Lehrerschaft der Laufer Volksschule, vor allem Lehrer Johann Konrad Merz, dazu äußerte, dass Streicher ein Psychopath sei, drang dies zum damaligen Kreisleiter Hirschmann durch und Merz wurde, wie auch andere Personen zuvor, mit der besagten Reitpeitsche verprügelt.
Daraufhin forderten die übrigen Ortsgruppenleiter Julius Streicher auf, gegen Hirschmann vorzugehen, da ein solches Verhalten ihr eigenes Ansehen schädigen könne.
Schließlich kam es zur besagten Sitzung im Weißen Ross, in der sich Siegwart Eckert als früherer HJ-Führer und späterer Funkwart unter die Amtsträger mischte. Anwesend waren alle Amtsträger der NSDAP und die Bürgermeister sowie der amtierende Gauleiter und von Hitler als “Frankenführer” eingesetzte Julius Streicher, der Hirschmann zunächst unterstützend zur Seite stand und ihn unbedingt gegenüber den Ortsgruppenleitern verteidigen wollte. Bereits in seiner Eröffnungsrede nahm sich Streicher alle wichtigen Amtsträger vor, beschimpfte sie und drohte sogar mit dem Ausschluss aus der Partei, weil sie nicht zu ihrem Kreisleiter hielten. Den Beschimpfungen Streichers waren unter anderem der erste Bürgermeister Georg Herzog, der zweite Bürgermeister Hans Wendler, Ortsgruppenführer Hans Seehofer und der zweite Parteivorsitzenden Dr. Ludwig Rottler ausgesetzt. Obwohl die Stimmung in der Sitzung am Nullpunkt angelangt war, berichtete Streicher von früheren Begebenheiten und rühmte sich damit, im Braunen Haus in München neuen und unliebsamen Parteimitgliedern ein Tintenfass auf den Kopf geschlagen zu haben oder berichtete von der Misshandlung eines Gefängnisinsassen in Nürnberg, einem angeblichen Parteigegner, was er als “mutigen” Auftritt würdigte. Seine Absicht war es, die Versammlung einzuschüchtern, um die Verteidigung Hirschmanns durchsetzen zu können, der weiterhin darauf beharrte, keine Reitpeitsche zu besitzen. Daraufhin fasste Christian Barth, der Auslandskorrespondent der damaligen Firma Steatit-Magnesia (heute Ceramtec) war, Mut und wandte ein, dass Hirschmann mit seiner Aussage lügen würde und die Reitpeitsche draußen in seinem Wagen liege. Bei seiner Aussage wurde Barth von anderen Bürgern unterstützt. Streicher ließ nun die Reitpeitsche holen, schlug sie wütend über den Tisch und musste erkennen, dass Hirschmann gelogen hatte. Dieser wurde nun im Anschluss als Laufer Kreisleiter entlassen und die Versammlung aufgelöst. Hirschmann wurde nach Nürnberg versetzt. Sein Nachfolger war kein geringerer als Erich Walz, der von Streicher im Jahr 1936 direkt als Laufer Kreisleiter eingesetzt wurde.

