Zwangsarbeiterlager

Flurstück “Waldlust”: Fremd- und Zwangsarbeiter in Lauf


Nach dem Sieg über Polen kamen zahlreiche kriegsgefangene polnische Soldaten sowie zur Arbeit zwangsverpflichtete Männer, Frauen und Jugendliche zum Arbeitseinsatz nach Deutschland. Die Organisation des Arbeitseinsatzes ausländischer Arbeitskräfte erfolgte im Verbund von Parteiorganen und Behörden. Für die Stadt Lauf waren die Abteilung Arbeitseinsatz der Deutschen Arbeitsfront Nürnberg gemeinsam mit der DAF Kreisverwaltung Fränkische Alb (Altdorfer Straße 63), sowie das Arbeitsamt Nürnberg nebst der Außenstelle Lauf (Friedhofstraße 4) zuständig. Diese Einrichtungen vermittelten zahlreiche Polinnen und Polen auf Bauernhöfe im Umland und in Laufer Mühlenbetriebe und die Brauereien Arnold, Simon, Dreykorn und Birkel & Cie. Durch den systematischen “Poleneinsatz” in Laufer Industriebetrieben stieg die Zahl der polnischen Zivilarbeiter und Zivilarbeiterinnen bis Ende 1941 auf über 500. Im April 1944 erreichte ihre Zahl im Landkreis mit über 650 ihren Höhepunkt. Sie waren unter anderem bei den Firmen Bayerische Elektrozubehör, Emuge, Krug, Mahla, Döbrich & Heckel, Sembach und der Stemag eingesetzt. Die Firmen mussten für Unterkünfte sorgen und richteten solche in ihren Betriebsgebäuden ein oder stellten Baracken auf den Firmenarealen auf. Die Betriebsleitung der Stemag einigte sich mit der Verwaltung der Stadt Lauf auf die Nutzung des baulich noch nicht fertiggestellten “neuen Schulhauses” (heute: Altbau der Bertleinschule) auf dem Flurstück “an der Waldlust” in Lauf links.

Nach der Besetzung Dänemarks und Norwegens durch die Wehrmacht wurden auch dort deutsche Arbeitsämter aktiv. Angehörige dieser Nationen waren nach der nationalsozialistischen Rassenlehre “germanischer Abstammung” und standen entsprechend der nationalsozialistischen Rassenhierarchie oben. Doch politisch waren sie Angehörige besiegter Nationen, weshalb die Anwerbeaktionen um Arbeitskräfte für die deutsche Industrie nur bedingt Erfolg hatten. Lediglich ein Norweger arbeitete für sechs Monate in Lauf. Dafür waren ab November 1940 etwa 70 Däninnen bei der Bayerischen Elektrozubehör und der Stemag tätig. Die meisten waren in einer Gemeinschaftsunterkunft auf dem Betriebsgelände der Stemag und in einer Immobilie der Firma am Hämmernplatz 4 untergebracht. Offenbar war die Unzufriedenheit mit den Arbeits- und Unterkunftsverhältnissen groß und nach Ablauf der Arbeitsverträge kehrten im April 1941 fast alle Däninnen in ihre Heimat zurück. Die wenigen Verbliebenen verließen Lauf bis Februar 1943. Sie hatten dazu die Möglichkeit, andere ausländische Arbeitskräfte wurden nach Ablauf ihres Vertrages vom Arbeitsamt dienstverpflichtet und mussten bis Kriegsende in Deutschland verbleiben. Das betraf vor allem Heimkehrwillige aus nichtwesteuropäischen Staaten. So waren im Kreis Lauf zeitweise bis zu vierhundert Angehörige verbündeter oder besetzter Staaten tätig, darunter Slowaken, Tschechen, Kroaten, Bulgaren, Serben und Griechen.

Bertleischule mit Baracken, Blick von Süden

Bei den siegreichen Feldzügen in Westeuropa und auf dem Balkan sowie den anfänglichen Erfolgen im Krieg gegen die Sowjetunion nahm die deutsche Wehrmacht Millionen Soldaten gefangen. Diese wurden in Kriegsgefangenenlager, sogenannte Stalags (eigentlich M-Stalag = Mannschafts-Stammlager) verbracht, von wo aus sie zur Arbeit auf zahlreiche Außenkommandos verteilt wurden. Im Wehrkreis XIII, einem militärischen Verwaltungsgebiet, das auch weite Teile Frankens umfasste, unterhielt die Wehrmacht vier Stalags. Die Kriegsgefangenen-Außenkommandos im Kreis Lauf waren Ableger des Stalags XIII A – Sulzbach Rosenberg, des Stalags XIII C – Weiden und des Stalags XIII D – Nürnberg- Langwasser.

Eine Quelle spricht von bis zu 5.000 Kriegsgefangenen zahlreicher Nationen (Serben, Belgier, Russen, Franzosen und andere). Diese wurden zu Arbeiten in der Industrie, in Steinbrüchen und in der Land- und Forstwirtschaft herangezogen. So lebten und arbeiteten auch auf zahlreichen Bauernhöfen ein oder mehrere Kriegsgefangene. Mehrere Dutzend Mann starke Außenkommandos gab es unter anderem in Oberndorf, Simmelsdorf, Schnaittach, Kersbach, Neunkirchen am Sand, Ottensoos, Schönberg und Günthersbühl. Für die Bewachung zuständig war das Landesschützenbataillon 820, das im Dezember 1943 seinen Sitz von Nürnberg-Langwasser nach Lauf an der Pegnitz verlegte. Die Kommandantur wurde im Gasthaus Perl in der Eckertstraße 1 und die Zahlmeisterei in der Gaststätte Schwarzer Bär am Marktplatz untergebracht. Als sich im April 1945 die US-Army näherte, wurden etwa 3.000 Kriegsgefangene zusammengezogen und nach Süden in Marsch gesetzt. Am 22. April wurden sie bei Eichstätt von den Amerikanern befreit.

Der Arbeitseinsatz französischer Kriegsgefangener in der Laufer Industrie begann im September 1940. Rund 160 Mann arbeiteten bei der Steatit-Magnesia AG und etwa noch einmal so viele bei den Laufer Firmen Bankel, Döbrich & Heckel, Krug, Mahla, Sembach und Stettner. Ferner arbeiteten Franzosen in Kleinbetrieben, Brauereien und für die Stadt Lauf selbst. Untergebracht waren sie im großen Saalbau der Gaststätte “Deutsches Arbeiterhaus” in der damaligen Eckertstraße 15. Die Unterkunft direkt am Bahnhof Lauf links der Pegnitz wurde durch eine “Interessensgemeinschaft zur Unterbringung der französischen Kriegsgefangenen” betrieben, die sich aus allen Arbeitgebern zusammensetzte. In deren Namen schloss die Stemag mit den Pächtern der Gaststätte einen Untermietvertrag für den etwa 500 qm großen Saal mit Bühne, Toilette und Umkleideraum ab. Eigentümer der ganzen Immobilie war das Brauhaus Nürnberg. Nachdem die Stemag Anfang 1942 auf russische Kriegsgefangene “umgestellt” wurde, schied sie aus dieser Interessensgemeinschaft aus und die Firma Stettner übernahm die Geschäfte. Im Zuge der Umstellung weiterer Betriebsbelegschaften auf Ostarbeiter und die Umschreibung französischer Kriegsgefangener zu Zivilarbeitern erfolgte im August 1943 die Auflösung der Interessensgemeinschaft und des Kriegsgefangenenlagers im ehemaligen “Arbeiterhaus”.

Bertleischule mit Baracken, Blick von Osten

Bei Moschkau und Glimpel waren ab September 1940 etwa 80 französische Kriegsgefangene tätig und provisorisch in den Firmengebäuden untergebracht. Da noch weitere Franzosen erwartet wurden, beantragte die Nürnberger Rüstungsinspektion XIII beim Landrat die Beschlagnahmung des Gasthauses und Saalbau Karl Metzger in der Simonshoferstraße 11. In den von der Brauerei Lederer aus Nürnberg zwangsverwalteten Räumlichkeiten sollten die Franzosen untergebracht werden, um in der “Wehrmachtsfertigung von zum Teil höchstem Dringlichkeitsgrad” der Firmen Moschkau u. Glimpel, Bayerische Elektrozubehör, Stettner und Wilhelm Terhaerst zu arbeiten. Weitere Unterkunftslager für französische Kriegsgefangene befanden sich in der Gaststätte “Kühler Grund” in der Sichartstraße und im Kunigundenkeller des Brauhauses Lauf in der Urlasstraße. In der Wirtschaft von Christoph Haas in der Hersbruckerstraße 30 befand sich ein Lager für belgische Kriegsgefangene.

Bei Kriegsbeginn waren im Kreis Lauf mehrere Dutzende angeworbener italienischer Bauarbeiter für deutsche Firmen tätig. So beschäftigte etwa die Baufirma Hans Rödl/Nbg. 57 Italiener auf einer Baustelle der Stemag. Insgesamt stieg die Zahl der im Kreis Lauf tätigen italienischen Zivilarbeiter auf über 360 im Jahr 1941 an, um im Jahr 1942 auf etwa 200 abzusinken. Viele Italiener kehrten in ihre Heimat zurück, andere wurden durch das Arbeitsamt nach Nürnberg versetzt. Da Italien als verbündeter Staat galt, konnte den Italienern aus politischen Gründen eine gewisse Teilhabe am gesellschaftlichen Leben nicht vorenthalten bleiben. Aus rasseideologischen Gründen war der Umgang von fremdvölkischen Italienern mit Deutschen aber nicht gerne gesehen. Feindselig wurde die Stimmung im Land, als Italien im Jahr 1943 auf die Seite der Alliierten wechselte. In Folge besetzte die deutsche Wehrmacht das Land und nahm über eine halbe Million italienische Soldaten gefangen.

Diese sogenannten „Italienischen Militärinternierten“ (kurz: IMI) wurden zur Zwangsarbeit in das Reichsinnere verbracht. Um die Beschränkungen der Genfer Konventionen zu umgehen und sie in der Rüstungsindustrie einsetzen zu können, wurden viele von ihnen aus dem Kriegsgefangenenstatus in zivile Arbeitsverhältnisse überführt. Frei wurden sie dadurch nicht, sie trugen weiter ihre Uniform, waren ausländerpolizeilich erfasst und verpflichtet, bis zum Kriegsende in ihren jeweiligen Betrieben zu arbeiten. Bis September 1944 traten im Kreis Lauf 519 IMI in ein ziviles Arbeitsverhältnis über. Fast 500 von ihnen arbeiteten in der Industrie. Untergebracht waren sie unter anderem in Gasthöfen in Wetzendorf und am Letten sowie auf dem Gelände der Bankelschen Kachelofenfabrik in der Meißenbachstraße.

Bertleischule mit Baracken, Blick von Norden

Der erste Einsatz von Zivilarbeitern und Zivilarbeiterinnen aus Gebieten der besetzten Sowjetunion, erfolgte im Mai 1942 durch die Firmen Stemag, Krug und Sembach. Die beiden letzteren Firmen richteten dafür auf ihren Firmenarealen Unterkünfte für drei bis vier Dutzend sogenannte “Ostarbeiterinnen” ein. Die Stemag brachte rund 260 weitere Frauen im neuen Schulhaus unter, wo sie bereits ein „Polenlager“ betrieb. Daneben stellte die Stemag Baracken für nochmal etwa 260 “Ostarbeiter” auf. Auch die Firmen Terhaerst und Emuge richteten Unterkünfte für sowjetische Arbeitskräfte ein. Terhaerst auf dem Bankel-Gelände in der Meißenbachstraße und die Firma Emuge in ihrem Neubau in der Nürnbergerstraße. Dabei war bereits klar, dass diese nur temporär für “Ostarbeiter” genutzt werden würden, denn aufgrund von Sicherheitsauflagen der Gestapo sollten die oft pauschal als “russisch” bezeichneten Arbeitskräfte künftig in einem bewachten und abgezäunten Gemeinschaftslager untergebracht werden. Als Standort legte die Stadt Lauf das Areal um das neue Schulhaus im Flurstück “Waldlust” fest mit der Begründung: Ein Gemeinschaftslager garantiere die erwünschte Abschottung und ergebe ein Einsparpotential beim Wachpersonal. Das käme auch den beteiligten Firmen zugute. Ohnehin konnte nicht jede Firma auf dem eigenen Betriebsareal genug Unterkünfte schaffen. Die vom Arbeitsamt komplett auf polnische Arbeitskräfte “umgestellte” Firma Mahla klagte darüber, zu ihrem Nachteil nicht am Waldlust-Lager beteiligt zu sein. Das wurde – wie bereits das Kriegsgefangenenlager im Deutschen Arbeiterhaus – ab Herbst 1942 von einem Verbund Laufer Firmen betrieben. Der “Interessensgemeinschaft Ostarbeiterlager Waldlust” gehörten die Firmen Bayerische Elektrozubehör, Döbrich u. Heckel, Moschkau & Glimpel, Krug, Sembach, Stettner und Terhaerst an. Geleitet wurde die Vereinigung von der der Firma ABL, die von der Stadt Lauf das fast 20.000 qm große Lagergelände pachtete. Um den Firmen entgegenzukommen, hatte die Stadt im Vorfeld die benötigten Grundstücke gepachtet, um das Areal dann als Ganzes an die Interessensgemeinschaft zu verpachten. Die Aufstellung von über einem Dutzend Unterkunftsbaracken samt Umzäunung erfolgte nach einem von Kreisbaumeister Fichtner Ende Juli 1942 vorgelegten Plan. Dieser sah zunächst die bauliche Trennung des “Ostarbeiterlagers Waldlust” in ein Männer- und ein Frauenlager sowie einen abgezäunten Durchgang für die im Schulhaus untergebrachten polnischen Arbeiterinnen der Stemag vor. Verwaltungsgemäß scheint die Stemag ihr Ausländerlager im Schulhaus mit den zwei angrenzenden Baracken separat betrieben zu haben. Die anderen Baracken waren später nicht mehr nach Geschlechtern, sondern nach den Belegschaften der Firmen aufgeteilt. Das waren vier Baracken der Bayerischen Elektrozubehör, zwei Baracken von Döbrich u. Heckel zwei Baracken von Moschkau & Glimpel, eine Baracke der Firma Krug sowie eine Abort- und Waschbaracke. Diese wurde mit der Firma Sembach geteilt, die dazu noch drei Baracken und eine Wirtschaftsbaracke unterhielt.

Ferner unterhielten die Firmen Stettner vier Baracken und Terhaerst eine Baracke. Insgesamt dürften in Spitzenzeiten bis zu 1.500 Frauen und Männer dort untergebracht gewesen sein.

Nach der Befreiung durch die US-Army verblieben die meisten Ausländer zunächst in Lauf, bis sie in den folgenden Monaten in ihre Heimatländer zurückkehrten.

So lebten nach Kriegsende im “Displaced-Persons Camp Waldlust” (also dem nun zum Lager für “Personen, die sich kriegsbedingt außerhalb ihres Herkunftslandes aufhalten” umgewidmeten ehemaligen Zwangsarbeiterlager) und dem angrenzenden Stemag-Lager zeitweilig bis zu 1.700 Personen aus der vormaligen Sowjetunion. Insgesamt befanden sich in Lauf temporär bis zu 3.000 Ausländer bei hoher Fluktuation. Die US-Militärregierung verpflichtete die Stadt Lauf, diese bis zur Rückkehr in ihre Heimatländer zu verpflegen. Die sogenannte Repatriierung geschah bei Menschen aus Osteuropa oft nicht freiwillig. Bei den einen war die Heimat von der Roten Armee besetzt und die aus der Sowjetunion Stammenden mussten Haft und gesellschaftliche Diskriminierung fürchten. Wer in Deutschland gearbeitet hatte, wurde als Kollaborateur betrachtet und nach Sibirien verbracht. Wer nach Jahren weiterer Zwangsarbeit aus dem Gulag heimkehrte hatte es oft schwer, gesellschaftlich Fuß zu fassen und verschwieg die Zeit in Deutschland. Dort geriet der Einsatz von Ausländern für die Laufer Industrie in Vergessenheit. Was blieb waren 41 Erwachsenen- und 31 Kindergräber auf dem Laufer Friedhof. Die Gebeine aus den Erwachsenengräbern wurden 1969 in ein von der öffentlichen Hand gepflegtes Sammelgrab umgebettet. Die Kindergräber wurden aufgelassen.

Baracken Blickrichtung Friedhof